5. Platz Putlitzer Preis® 2026
Er kannte Schnee, wusste, dass er weiß ist und vom Himmel fällt, mal flockig, mal als Pulver und mal als scharfe Eiskristalle. Irgendwo hatte er noch ein Foto aus seiner Kindheit, auf dem er in den schneebedeckten Büschen vor seiner Haustür lag, ein breites rotbackiges Lächeln im Gesicht. Seit einigen Wintern waren sie nur noch kahles Gestrüpp. Er war überzeugt, dass Schnee für Kinder geschaffen war, damit sie Schneemänner bauen, in Schneeballschlachten toben und Rodeln gehen konnten. Erst Schnee machte den Winter zu einem Vergnügen.
Seit Stunden wehrte er sich gegen das rhythmische Rütteln der Wagons. Am liebsten hätte er sich hingelegt und in den Schlaf wiegen lassen, doch er fürchtete, eine weitere Verwandlung zu verpassen. Irgendwann hinter dem Ural hatte er aus dem Fenster gesehen und den Schnee nicht wiedererkannt. Er wusste nicht, wann genau oder wie es geschehen war, doch was auch immer dort lag, brauchte einen anderen Namen.
Nun durchquerte er das Schneeland, wo langbeinige Elche und Tiger umherstreiften. Auf der Fahrt hatte er sogar einen Bären gesehen. Wie ein Panzer aus Hunger und Muskeln war er durch die Landschaft gewalzt, mit Schneeklumpen aus unterschiedlichen Zeitzonen im Fell. Es war sein Reich, doch er hatte weder die Schienen und Bahnhöfe noch die sich kilometerlang durch die Tundra ziehenden Straßen gebaut. Auch die Straflager nicht, doch diesen Gedanken behielt er für sich, als er sich mit seinen Sitznachbarn unterhielt.
Er fragte sich, was wohl passieren wird, wenn der Schnee fort ist. Er hatte zwar keine Augen und Ohren, wie das Abteil, aber ein Gedächtnis. Er merkt sich alles, das Schwanken der Temperatur, Ruß und feinste Plastikpartikel – und konservierte Körper wie Erinnerungstücke. Bisher erinnerten sich vor allem die Wölfe an dieses kalte Fleisch. Sie löcherten das Gedächtnis, befreiten es von den Erbauern und denen, die bei ihrem Transport mehr Fracht als Menschen glichen. So viele Wölfe wie Körper auf diesen Strecken lagen, waren aber nicht auf der Pirsch.
Bald wird sich das Land erinnern müssen. Weil das Gras diesen Sommer gelb war und das Laub noch im späten Oktober grün und saftig. Weil die Mücken auch im November ihren Weg in sein Zimmer gefunden hatten und die Wespen ihnen gefolgt waren. Es wird sich dann erinnern müssen, wenn der Sommer ebenso schwer auf ihm liegt, wie der Schnee auf den Toten, oder wenn man sich auch an seinen Namen erinnern muss.
Es heißt, dass Inuit vierzig, vielleicht sogar fünfzig Wörter für Schnee haben. Einer dieser Begriffe musste auch für diesen existieren, Schnee, der sich die Form des Menschen merkt, menschlich getünchter Schnee.
Kaum jemand in seinem Abteil beachtete den Schnee, das Weiß brannte in den Augen – die Menschen waren schneeblind. Selbst die alten Verkäuferinnen auf den Bahnhöfen mit den Händen voller Plastiktüten, die Tüten voller Hausmannskost und die Mäntel weiß meliert, standen da, als gäbe es ihn nicht. Als wären sie rausgegangen, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, weil sie jeden Cent nötig hatten, um die nächsten Tage zu überstehen.
Einer dieser Frauen hatte er mehr als genug Rubel für all ihre Tüten in die Hand gedrückt, obwohl er nur einen Happen wollte – nur mal probieren, wie das Essen in diesem Winkel der Welt schmeckte. Eine Mischung aus Aberglauben und Stolz ließ sie sich gegen diese Gabe wehren. Weil er das Geld aber nicht zurücknahm, bestand sie zumindest darauf, alles herzugeben. Ihren Dialekt, ihre dankenden Worte verstand er kaum. Ob der Wind ein paar Laute davongewirbelt oder der endlose Winter auch die Sprache eingefroren hatte, konnte er nicht beurteilen.
Seine Weggefährten griffen mit Freude zu. Sie wussten, dass in den faltigen Händen der Alten mehr Leben steckte, als in denen des Bordkochs und lobten die Bissen stöhnend, mit vollen Mündern. Einige sagten, es schmecke wie zu Hause, obwohl ihre Heimat tausende Kilometer weit entfernt lag.
Als er sie auf den Schnee ansprach, erinnerten sie sich an alte Lieder und Gedichte. Ein Mann holte seine Gitarre hervor, und wie die Saiten klangen auch die Stimmen falsch gestimmt. Sie sangen, als könnte man nicht erfrieren, nur unter einer weißen Decke einschlafen und an einem neuen Morgen aufwachen.
Hinter dem Fenster sah er aber nur ein Leichentuch, dass ihn an abgefrorene Finger und schwere Beine erinnerte, die sich ihren Weg durch den Schnee treten mussten.
Eine Frau verließ das Abteil, weil sie ihre Tränen für sich behalten wollte. Sie flossen ihre Wangen entlang und wurden zu feuchten Flecken auf ihrer Bluse. Sie erinnerte sich an längst vergessenen Schnee, dabei waren die Zeilen noch älter als sie. Einige stammten aus der Zeit des roten Umbruchs, andere aus dem Zarenreich. Viel hatte sich verändert und wieder verändert. Ein Winter war nach dem anderen gekommen und hatte behaarte Elefanten und Katzen mit riesigen Fangzähnen begraben. Auch Mikroben schliefen im ewigen Eis. Sobald der Schnee fort ist, werden auch sie sich dem Land wieder aufdrängen und die Menschen dazu zwingen, mit ihnen zu leben.
Schließlich verklangen die Lieder und er musste wieder an die Kinder denken. Ohne den Schnee, wird der Winter zu einem Gerippe aus Kälte und Nässe werden. An diesen kurzen Tagen und langen Nächten werden Kinder Erwachsene sein müssen, bis das Tauwetter sie hoffentlich an die Hand nimmt.
Die Jurybegründung zu Durch den Schnee
Adam Reicherts Geschichte Durch den Schnee nimmt uns durch den Klang der klug gewählten Worte mit in eine Szene, in der die Zeit im wahrsten Sinne gefroren zu sein scheint. Wir erahnen ein Grauen, das am Ende der langen Zugfahrt oder irgendwo unter dem vermeintlich ewigen Weiß lauert und doch dürfen wir durch die Augen des Protagonisten einen poetischen, und in der analytischen Klarheit beinahe versöhnlichen Blick auf diese Welt werfen. „An diesen kurzen Tagen und langen Nächten werden Kinder Erwachsene sein müssen, bis das Tauwetter sie hoffentlich an die Hand nimmt.“ So schließt dieser wunderbare Text und nimmt uns Leser*innen an die Hand. Ein verdienter Platz 5. Herzlichen Glückwunsch.
(Christoph Charlie Hein)
Beitragsbild: pixabay, nicktyp