Kristina Sambs: Der Langenbacher und der Tod

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Als der Tod im Birkenweg eintrifft, ist er genervt. Viele andere standen heute auf seiner Liste, da kommt der Aumeier Martin ungelegen.

Das Einfamilienhaus liegt in einer wohlhabenden Gegend. Meist ist er hierher gekommen, um die Alten zu holen. Noch nie wegen eines eingeschlagenen Schädels.

Der Tod schlendert die Einfahrt hinauf. Keine Eile, ein paar Atemzüge bleiben dem Martin noch. Die Frau, die aus dem Haus läuft, sieht durch den Tod hindurch.

Der Martin liegt auf dem Wohnzimmerteppich, das Gesicht nach unten. Mit dem Blut aus seinem Hinterkopf sickert das letzte bisschen Leben in die Fransen. Der Tod setzt sich neben ihn, bis es vorbei ist. Dann seufzt er und nimmt den Martin mit. Noch viel zu tun.

***

Zwei Wochen später ruft ihn der Oberkommissar Langenbacher. Wie immer treffen sie sich in dessen Garten hinter dem Schuppen. Da pafft der Langenbacher heimlich seine Pall Mall. Mit einem Seufzen lässt sich der Tod auf die Bank fallen und atmet genüsslich den Qualm ein. „Grüß dich, Langenbacher. Was gibt’s denn Dringendes?“

„Servus Sense, gut dass du kommst.“ Der Langenbacher lacht, weil der Tod so gierig am Rauch der Zigarette hängt. Er hält ihm das Päckchen hin. „Magst nicht doch eine? Schaden kann’s dir ja nicht.“

„Vielleicht ist dem Herrn Superkommissar aufgefallen, dass ich keine Lippen habe?“, grummelt der Tod.

Gnädig bläst ihm der Langenbacher etwas Rauch unter die schwarze Kapuze. „Ich brauche deine Hilfe. Bei dem Aumeier.“

„Du weißt, ich kann dir nicht sagen, wer’s war.“ Der Tod zuckt die knochigen Schultern.

„Ich weiß längst, es war die Ehefrau. Ihre Story vom Einbrecher war sehr löchrig.“

„Was willst du dann?“, fragt der Tod erstaunt.

„Das Motiv finden! Anscheinend lief es doch gut mit den beiden. Bevor sie lebenslänglich bekommt, will ich wissen, warum die Andrea ihm den Kopf mit einem Fleischklopfer eingeschlagen hat.“

Der Tod mustert den Langenbacher. Er kennt ihn seit 14 Jahren und weiß, er wird keine Ruhe geben.

Nur wenige können den Tod sehen und die fallen alle in Ohnmacht. Aber der Langenbacher hat damals nur gesagt: „Wenn du wegen mir kommst, kannst du gleich wieder umdrehen.“

Da musste der Tod lachen. Dann musste er den Wachtmeister Gruber mitnehmen, der Herzinfarkt war nach jahrelanger fettreicher Ernährung für keinen eine Überraschung. Außer für den Gruber.

Der Langenbacher schaut immer noch bittend. „Ja, was soll ich jetzt machen?“, fragt der Tod genervt.

„Hör dich mal um. Vielleicht weiß einer was aus deiner Gang.“

Er hätte damals doch lieber den Langenbacher mitnehmen sollen.

***

Wenn der Tod ruft, dann kommen sie, die ganze Bande.

Zuerst befragt er die Eifersucht. Er hat seit jeher eine Schwäche für die kurvige Blondine.

„Die Aumeier Andrea? Da gab es nichts zu tun für mich.“ Die Eifersucht streicht sich kokett das Haar aus der Stirn. „Der Martin hat sich nie nach anderen umgesehen.“

Bei der Gier erreicht er auch nichts. Wie immer macht sie ein verkniffenes Gesicht. „Die Andrea? Die hatte doch alles. Schickes Haus, Thermomix, jedes Jahr ein toller Urlaub, ein BMW in der Garage. Die hat mich nicht gebraucht.“ Der Tod streicht sie von der Liste.

Bei der Angst wird es schwieriger. Sie zupft sich nervös die Lippe.

„Die Andrea musste sich vor gar nichts fürchten, außer vielleicht vor der Langeweile.“

Aber auch bei der Langeweile, der Rachsucht, der Scham und der Enttäuschung erfährt der Tod nichts. Bleibt noch eine auf seiner Liste.

***

Als er den Langenbacher wieder trifft, riecht der nach Nikotinkaugummi und sieht unglücklich aus.

„Meine Frau hat die Pall Mall gefunden und weggeworfen. Ein Riesenkrach. Jetzt versuch ich, aufzuhören.“

Der Tod ist enttäuscht. „Wenigstens habe ich Neuigkeiten für dich.“

„Raus damit, du machst es todspannend“, grinst der Kommissar.

„Eigentlich kannte nur einer meiner Leute deine Aumeier. Die Wut hat praktisch bei ihr gewohnt …“

***

Als der Kommissar die Andrea in der U-Haft aufsucht, sieht sie harmlos aus. Mausbraune Haare, ein rundes Gesicht, das man gleich wieder vergisst, die Füße brav nebeneinander.

„Frau Aumeier, es wird zu einer Anklage kommen, Ihr Anwalt hat Ihnen das sicher erklärt.“

Kein Muskel zuckt in ihrem Gesicht, ihr Blick klebt auf der Tischplatte.

„Scheint ein braver Mann gewesen zu sein, Ihr Martin. Wir haben Ihr Umfeld befragt, keiner hatte etwas Schlechtes zu berichten.“ Der Kommissar blättert in seinen Notizen.

„Ihr Mann war sehr fleißig, vorbildliche Beamtenlaufbahn, verantwortungsbewusst. Seine Freunde beschreiben ihn als zuverlässig. Ihre Mutter sagte wörtlich: ‚das Beste, was meiner Tochter passieren konnte‘.“

Er bemerkt ihre Hände, die sich zu Fäusten ballen.

„Die Nachbarn haben ausgesagt …“, der Langenbacher stockt. Sie sind nicht mehr allein, eine rothaarige Frau steht an die Tür gelehnt, erwartungsvoll lächelnd. Nur er scheint sie zu bemerken.

„Ihre Nachbarn haben ausgesagt, wie hilfsbereit der Martin war. Anscheinend ein echter Glücksgriff.“

Jetzt sieht er deutlich die kleine Ader, die an ihrer Schläfe pocht. Der Mund eine schmale Linie.

„Was ist an diesem Abend passiert? Der Tisch war gedeckt, wahrscheinlich hat er etwas für Sie gekocht …“

„Pffff!“ Ein empörtes Schnauben bricht aus der Andrea heraus, pfeift durch den Raum.

„Er? Etwas gekocht? Das Einzige, was mein Mann in der Küche gemacht hat, ist Bier holen!“

Die Rothaarige reibt sich die Hände.

„Also kein Koch, gut. Hat auch immer lang gearbeitet, der fleißige Martin. Da blieb wohl wenig Zeit für den Haushalt?“

„Ja, aber genug Zeit, um herumzumeckern!“ Die Andrea springt auf, stützt die Hände auf den Tisch, Nase an Nase mit dem Kommissar. Zum Glück ist kein Fleischklopfer in der Nähe.

„Ich hab geputzt, gekocht, gewaschen, und das nach einer 50-Stunden-Woche! Fleißig, von wegen! Vor dem Fernseher hat er gesessen, die Füße auf dem Tisch. Andrea, das Bier ist warm! Andrea, die Fenster sind schmutzig! Andrea, das Schnitzel ist salzig!“

Bei jedem „Andrea“ schlägt sie mit der Faust auf den Tisch.

Als der Langenbacher wissend lächelt, setzt sie sich wieder, lässt den Kopf hängen.

„Danke, Frau Aumeier, das war aufschlussreich. Wir sind durch für heute.“

Als er den Raum verlässt, sieht er die Rothaarige zur Aumeier hinüber schlendern. Die Wut lässt die Andrea auch jetzt nicht allein.

Der Langenbacher seufzt.

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt.

Die Jurybegründung zu Der Langenbacher und der Tod

Ein Kommissar hat einen Mordfall aufzuklären – so weit, so unspektakulär, doch in dieser Geschichte hat er einen ungewöhnlichen Helfer, den Tod höchstpersönlich. Denn wo andere Menschen aus Angst sich abwenden, schaut der furchtlose Oberkommissar Langenbacher genau hin, und deshalb kann er den Gevatter Sensenmann sehen.  Und Humor hat der Kommissar auch noch – und darum ist die Lektüre ein wirkliches Vergnügen. Mit einer letzten Pointe am Ende: „Die meisten Unfälle passieren im Haushalt.“ 

(Reinhard Rohn)

Beitragsbild: pixabay, squarefrog-reaper

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