Hannah Krahn: Ich bring dich da schon durch, Hancock

4. Platz Putlitzer Preis® 2026

Mit sieben Jahren lernen meine Freundinnen das Alphabet und Schreibschrift. Ich lerne, dass man nach fünf Tabletten eine Pause machen muss, wenn man nicht alles erbrechen und von vorne anfangen will. Ich lerne, dass Oberärzte, die zu breit lächeln, keine guten Nachrichten bedeuten und der Wert weißer Blutkörperchen bei unter 40.000 liegen muss, wenn man an Weihnachten nach Hause will.

Auch über meine Familie lerne ich in kurzer Zeit eine Menge: etwa, dass mein Vater tagelang ohne Schlaf zurechtkommt, dass er, wenn es drauf ankommt, jede Auseinandersetzung mit den Ärzten des Krankenhauses gewinnt, und dass er ein guter Lügner ist: Als die Krankenschwestern ihn nach Hause schicken wollen, auf ihn einreden, dass es niemandem nutzt, wenn er jetzt auch noch zusammenbricht, behauptet er, es gehe ihm gut und sie sollten sich keine Sorgen machen. Wenn er sich abends auf das Klappbett neben mich legt, wirkt sein Lächeln unter den dunklen Augenringen traurig, aber niemals würde er mir von den Dingen erzählen, die ihn nachts nicht schlafen lassen. 

Meine Mutter ist anders: Über sie lerne ich, dass sie viel weint, wenn sie sich Sorgen macht, dass es ihr guttut, ihre Sorgen mit Freundinnen und Ärzten zu teilen, und dass sie ihre Liebe mit Essen zeigt, das sich in Körben und Boxen turmhoch auf dem Beistelltisch neben meinem Bett stapelt. 

Selbst über Sid, die nur sieben Minuten jünger ist als ich und wie meine Freundinnen das Alphabet und Schreibschrift üben sollte, erfahre ich Dinge, die ich früher nicht wusste: Sid hört auf zu reden, wenn sie Angst hat. Sie träumt sich in ihre ganz eigenen Welten davon, wenn ihr die weiß geribbelten Krankenhauswände zu nahe kommen, und sie kann, wenn sie es muss, mehrere Male mit einem prall gefüllten Nachttopf durch einen dunklen Krankenhausflur laufen, bis sie endlich eine Schwester findet, die ihn ihr abnimmt. 

Mit sieben hat Sid noch keine Narben an den Armen. Sie ist auch noch nicht wütend und kennt Therapeuten allenfalls von meiner Mutter, die noch schön und schlank ist und die schönste Haut hat, die ich je an einem Menschen gesehen habe. Diese Haut hat sie noch heute, Sid hat das von ihr geerbt. 

Meinem Vater hingegen merke ich die ersten Zeichen schon an: Vielleicht liegt es daran, dass er mir seit Wochen nicht von der Seite weicht, oder daran, dass ich ihn und jede Falte seines Gesichts in- und auswendig kenne, oder daran, dass er der unverwüstliche, unerschütterliche Fels in der Brandung ist; aber ich sehe es in seinen Augen, seinem Gang und ich höre es in seiner Stimme, wenn er mir verspricht, dass ich auch nach dieser Operation wieder aufwachen werde: Er hat seine Leichtigkeit verloren, irgendwo in den langen Fluren der K9. Der Station, auf der die wirklich kranken Kinder liegen.

Ich bin Alva, aber mein Vater nennt mich Hancock. Wie der Superheld – und Superkräfte werde ich in der nächsten Zeit brauchen, denn seit zwei Wochen habe ich Leukämie.

In den ersten Tagen gelingt es den Ärzten einfach nicht, mein Fieber in den Griff zu bekommen, es ist ein einziges Delirium, ich bin nicht ansprechbar, und sie wissen nicht, was sie noch mit mir tun sollen. Seit Tagen pumpen sie alles in mich rein, was Wissenschaft und Erfahrungswerte sie gelehrt haben, doch es nutzt nichts.

Rund um mein Bett haben sie sich versammelt, diese vielen klugen Menschen in Weiß, die darum kämpfen, meinen ausgebrannten Kinderkörper am Leben zu halten. Irgendwann spricht es einer von ihnen aus: Wir sind am Ende unserer Weisheit. Es funktioniert nicht, wir können aktuell nichts mehr für sie tun. 

Jahre später werde ich zufällig das Tagebuch meines Vaters in die Hände bekommen und heimlich darin lesen. Ich werde seine rundliche, halbfertige Schrift erkennen und daher sicher sein, dass er es war, der diese Worte geschrieben hat, und das ist wichtig, weil ich sonst nicht glauben würde, dass sie tatsächlich von ihm stammen. 

Er beschreibt, wie er mich in diesen Tagen dort liegen sieht, der ganze Körper rot vom Fieber, die Augen seit Tagen in den Höhlen verschwunden, das Laken nass. Ihn zerfrisst seine Ohnmacht, er würde alles dafür geben, mit mir tauschen zu können, mir das abzunehmen, an meiner Stelle dort zu liegen, wenn ich dafür nur gesund wäre. Er kann das nicht mehr mit ansehen, es bricht ihm das Herz, und er ist an dem Punkt angelangt, an dem er sich fragt, ob es nicht einen anderen Ort gibt, der jetzt besser für mich wäre. Dann fragt er sich, ob er ein schrecklicher Vater ist, weil er diese Gedanken hat. 

Noch einmal viele Jahre später kann ich ihm endlich sagen, dass er das nicht ist. Er war der beste Vater, den ich mir in dieser Zeit hätte wünschen können, genau der Vater, den ich gebraucht habe. 

Der Oberarzt, der ihm in diesen Tagen mehr als jeder andere zum Vertrauten wird, legt eine Hand auf seine Schulter: Manchmal, wenn nichts mehr hilft, bleibt uns nur noch, alle Medikamente abzusetzen und auf ein Wunder zu hoffen. In der Medizin nennen wir das Deeskalation. Sind Sie damit einverstanden, dann unterschreiben Sie bitte hier. Was können Sie noch für Alva tun? Seien Sie weiterhin in ihrer Nähe, wenn Sie gläubig sind, dann beten Sie. 

Sie unterschreiben. Es vergehen weitere 24 Stunden, die sich wie Wochen anfühlen müssen, dann beginnt mein Fieber plötzlich zu sinken. Noch einmal einen Tag später sind meine Laken getrocknet und ich komme wieder zu mir. 

Als mein Vater und meine Mutter mir mit ernster Miene erklären, dass ich eine Krankheit namens Krebs habe, glaube ich, sie scherzen, bin mir sicher, dass Krebs seit dem Mittelalter ausgestorben ist. 

Nicht die Pest, Hancock, Krebs ist etwas anderes, erklärt mein Vater und streichelt mir über die blonden Haare. Aber du bist ja nicht allein. Ich bring dich da schon durch.

Die Jurybegründung zu Ich bring dich da schon durch, Hancock

Ein Mädchen auf der Krebsstation in höchster Not – Alva hat Leukämie. Eigentlich kann sie nur ein Wunder retten, doch das Wunder ist nah – in Gestalt ihres Vaters, den Fels in der Bandung, der ihr nicht von der Seite weicht. Eine eindringliche Geschichte, die das Kunststück schafft, die Leserin/ den Leser mit wenigen Worten mitzunehmen – auf eine Krebsstation und in die Seele eines Kindes. Und die darüber hinaus von dem Wunder des Liebe erzählt – von der unerschütterlichen Liebe eines Vaters zu seiner Tochter.

(Reinhard Rohn)

Beitragsbild: pixabay, farbsynthese

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