4. Platz Putlitzer Preis® 2025
Das Lämpchen des Anrufbeantworters blinkt, als ich nach Hause komme. Sofort stehe ich unter Strom – als sei da nicht ein glimmendes Pünktchen, sondern eine Sirene, die durch die ganze Straße schallt. Noch ehe ich mir die Schuhe ausziehe, drücke ich auf den Knopf, um die Nachrichten abzuhören. Vielleicht habe ich Glück, vielleicht ist es nicht das, was ich erwarte.
Erste Nachricht. Empfangen heute um elf Uhr dreiunddreißig, verkündet die blecherne Stimme des Geräts. Dann ist ein Rumpeln zu hören und ein Klappern, gefolgt von einem Leerzeichen. Der Anrufer oder besser gesagt die Anruferin – denn ich weiß, wer das war – hat aufgelegt. Zweiter Anruf. Empfangen heute um elf Uhr fünfunddreißig. „Hallo? Bist du da? Ruf mich an, wenn du wieder da bist.“ Klicken, Tuten. Dritter Anruf. Empfangen heute um zwölf Uhr zweiundfünfzig. „Wo bist du?“ Pause. „Meldest du dich?“ Klicken, Tuten. Drei weitere Anrufe, die Stimme wird immer verwaschener. Ich meine, den Wodka darin riechen zu können.
Ich weiß, dass es nichts bringt, es hinauszuschieben. Wie soll ich mich hinsetzen und essen, wenn das nicht erledigt ist? Wie zur Ruhe kommen? Wie schlafen?
Ich wähle die Nummer meiner Mutter. Nach dem zweiten Läuten nimmt sie ab. Ein Poltern, als ob der Hörer herunterfällt, dann ihre Stimme. „Ja? Hallo?“
„Ich bin’s.“
Meine Mutter sagt nichts. Sie atmet nur schwer.
„Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“
„Wo warst du?“
„In der Uni.“
„Den ganzen Tag?“
Ich zögere, mein Hals wird eng, als ob sich eine Schlinge darumlegen würde. „Ich hatte am Vormittag zwei Vorlesungen und am Nachmittag nochmal eine und dazwischen war ich in der Bibliothek und habe gelernt.“
Meine Mutter schweigt. „Ach ja“, sagt sie schließlich. Dann weint sie.
Ich lasse mich auf den Boden sinken, auf die ochsenblutroten Holzdielen, und starre an die Wand.
Meine Mutter putzt sich die Nase. „Bist du noch da?“, fragt sie.
„Ja.“
„Ich will nicht …“, setzt sie an. Dann weint sie weiter.
Mit meinen Fingernägeln kratze ich am Bodenlack, an manchen Stellen hat er sich gelöst, darunter leuchtet eine andere Farbe durch, ein schmutziges Beige.
„Wann kommst du mal wieder nach Hause?“ Ich kann sie kaum verstehen, so undeutlich spricht sie.
„Ich weiß nicht, ich habe zurzeit viel zu tun. Die Prüfungen …“ Unter meinen Fingernägeln bilden sich rote Farbränder, ich höre auf zu kratzen und ziehe meine Schuhe aus.
„Komm doch“, sagt sie. „Wann kommst du?“
Ich ziehe meine rechte Socke aus, fahre mit den Fingern über die Hornhaut meiner Ferse. „Ich muss sehen, wann ich es schaffe.“
„Ach ja.“ Meine Mutter seufzt. Beim Einatmen meine ich, ihre ausgeseufzte Luft – trotz all der vielen Kilometer zwischen uns – in mich hineinfließen zu spüren.
Niemand sagt etwas. Dann höre ich, wie meine Mutter schluckt. Mir wird heiß, als ob mir selbst Hochprozentiges die Kehle hinabrinnen würde. Meine Finger suchen nach einer rissigen Stelle in der Hornhaut, einer Sollbruchstelle, an der sie ansetzen können.
„Dein Vater ist auch nie da. Er behauptet, dass er die ganze Zeit arbeiten würde.“ Sie lacht höhnisch auf.
Am Rand der Ferse ertaste ich einen kleinen Riss; mit meinen Fingernägeln bohre ich hinein.
„Ich bin immer allein.“
„Du könntest doch rausgehen, etwas unternehmen.“
Sie schnauft. „Was soll ich denn schon groß tun?“
„Vielleicht ins Kino gehen? Mit Elise?“
„Ach, die …“ Wieder das höhnische Lachen, das mir zu verstehen gibt, dass ich eine Idiotin bin, die ihr nur idiotische Vorschläge unterbreitet.
Als würde ich eine Orange schälen, ziehe ich langsam einen schmalen Streifen Haut von der Ferse. Sofort füllt sich die freigelegte Stelle mit Blut.
„Ich muss jetzt Schluss machen“, schaffe ich es zu sagen.
Atmen, der schnaufende Atem meiner Mutter.
„Also dann …“, sage ich.
„Ich bin so allein.“
Es tut weh, aber ich ziehe weiter an der Haut, bis sie sich löst und ich das Hautstückchen in der Hand halte. Der ganze Schmerz liegt jetzt in meinem Fuß, in meiner rechten Ferse.
„Wir können ja bald wieder miteinander telefonieren“, sage ich.
Schlucken, mehrere Schlucke hintereinander.
„Bis dann“, sage ich.
Und lege auf.