Thorsten Dörp: Sommerbruch

3. Platz Putlitzer Preis® 2025

Der Möbeltransporter stand schwerbeladen vor der Auffahrt, es regnete, Vater war tot. Eine ausgelassene Laune und eine Klippe in diesem verdammten süditalienischen Badeort hatten ihn aus seinem Leben gerissen – aus unserem Leben! Mitten in den Ferien.

***

Es waren dieselben Ferien, vor denen Marie sich von mir getrennt hatte. Quasi mit dem Läuten der letzten Stunde: Wir hatten Bücher und Stifte zusammengepfercht und ich fragte sie, wohin sie nach Schulschluss gehen wolle.

„In ein neues Leben“, antwortete sie. Nicht mehr, doch vor allem nicht weniger. Dabei kaute sie auf einem Kaugummi.

Acht Monate, drei Wochen und zwei Tage – und zum Abschied gab es nicht mehr als fünfzehn Buchstaben. Keine Erklärung, keine Umarmung, kein gar nichts.

Während ich mit geröteten Augen auf dem Gehweg stand, rollten meine Eltern mit vollbeladenem Auto vor das Schultor. Südländische Musik entwich, als Vater stoppte und die Fahrertür öffnete. Er trug sein Lieblingshemd – ein dünnes gestreiftes Teil, das er im Sommer ständig anhatte –, dazu Leder-Sandalen. Mutter flehte ihn seit Jahren an, sich endlich neues Schuhwerk zuzulegen, doch er lächelte ihren Wunsch jedes Mal weg. Auch jetzt lächelte er; im Gegensatz zu mir. Wie konnte Marie auf diese Weise Schluss machen? So völlig aus dem Nichts? Vater sah mich an, ohne zu ahnen, dass mir vor wenigen Minuten der Boden unter den Füßen weggerissen worden war.

„Marie?“, fragte er.

Vater sah mich an und mein Hals krampfte, ich kämpfte mit den Tränen.

„Es geht immer weiter, weil alles immer weiter geht“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Er verstaute meine Schultasche unter dem Sitz, dann fuhren wir los.

Vor uns lagen eintausendachthundert und zwölf Kilometer und ich kannte jeden einzelnen davon. Es war jedes Jahr aufs Neue ein Wunder, dass unser Corsa einen solchen Ritt überhaupt mitmachte, schien er doch zur Hälfte nur noch vom Lack zusammengehalten zu werden. Aber Vater hegte keinerlei Zweifel an seiner Zuverlässigkeit: „Rollt wie ein Panzer!“, war er sicher; anschließend pfiff er zur Melodie aus dem Radio. Wir glaubten ihm.

Insgesamt würden wir zwei Stopps einlegen. Einen in Kiefersfelden, weil es vor der Grenze günstiger war zu übernachten, den nächsten Halt machten wir hinter Bologna. Ab dort übernahm Mutter das Steuer, was für alle ein Segen war: Vater erholte sich mit ein paar Dosen Bier von der Anstrengung der Serpentinen, Mutter genoss die neu gewonnene Beinfreiheit, und mein Magen beruhigte sich.

Ich presste meine Nase an die Fensterscheibe und sah Italien an mir vorbeiziehen. Die Gedanken an Marie zogen mit; doch mit jedem Kilometer versorgte der azurblaue Himmel ein kleines bisschen mehr die offene Wunde, die Marie hinterlassen hatte. Irgendwann standen wir vor der Kiesauffahrt unseres Feriendomizils. Der Gartenzaun hatte etwas Rost angesetzt und auch die Pforte quietschte, doch dafür war das Grün zurückgeschnitten. Eine Handvoll Katzen lag auf der Veranda und schlief in der Sonne.

Vater tirilierte, während er den Schlüssel in die Haustür steckte und aufschloss. Abgestandene Luft schlug uns entgegen und die nächsten Minuten folgten einer eingespielten Routine: Ich öffnete die Fenster, Mutter bezog die Betten, und Vater verweilte am Fenster und sah aufs Meer! Anschließend hakten wir uns ineinander und taumelten hinunter in den Ort, um etwas Brot, Öl und Oliven, Espressopulver sowie Getränke zu besorgen. Richtig einkaufen würden wir morgen gleich nach dem Anbaden im Meer!

***

Die erste Nacht war immer die anstrengendste: Der Ventilator war aus der Übung, und die Fahrt steckte uns allen noch gehörig in den Knochen. Ich bezog das Zimmer unterm Dach und schlief schlecht. Ich war unschlüssig, ob ich nun mit Decke oder ohne schlafen sollte – mit Decke war es zu warm und ohne fehlte etwas. Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen und wachte am Morgen mit tiefen Augenrändern auf. Vater und Mutter erging es ähnlich; doch bei ihnen half fürs Erste ein kräftiger Espresso.

Schlürfend machten sie sich an die Einkaufsliste. Im Großen und Ganzen unterschied sich der Inhalt des Kühlschrankes nur unwesentlich von dem bei uns zu Hause: Italien ja – aber dann doch bitte wie gewohnt.

Mutter faltete die Liste fein säuberlich in der Mitte und Vater verstaute seine Geldbörse; dann schlappten wir runter zum Strand. Der auflandige Wind täuschte über die Temperatur hinweg, die um diese Uhrzeit bereits auf dem Sand flimmerte. Die Sonne brannte heiß vom Himmel herunter und wir cremten uns großzügig ein. Wie jedes Jahr schwamm Vater als Erster zu den Klippen. Er kletterte, posierte und sah dabei glücklich aus. Zwei Wochen Urlaub, vierzehn Tage Pause von der Arbeit, ein halber Monat mit der Familie. Dann brach die Klippe ab!

Der Sturz brannte sich in meine Netzhaut, Mutters Schrei durchdrang mein Trommelfell! Die Stille als Vaters Körper regungslos zwischen den Steinen liegen blieb überlagerte alles. Mutter und ich waren sofort aufgesprungen  und schwammen hin zur Klippe. Ich hechelte vor Verzweiflung und Anstrengung, und als wir die Felsen erreicht hatten, schossen mir Maries fünfzehn Buchstaben wieder in den Sinn.

Der Urlaub endete an dem Tag, an dem er hätte beginnen sollen! So vieles ging an jenem Tag zu Ende. Mutter und ich weinten tagelang; noch immer, als wir längst wieder zu Hause waren. Wir hatten ein neues Leben zu organisieren; ich als Junge ohne Vater, sie als Mutter und Witwe. Den Corsa hatten wir in Italien gelassen; all unsere Sachen hatten wir dort gelassen – nicht aber die quälende Frage nach dem Warum.

***

Das alles liegt nun zehn Jahre zurück und der Weg führt mich erstmals wieder in den süditalienischen Badeort von damals – nicht mehr über Kiefersfelden und mit einem Stopp in Bologna; ich habe gelernt, ohne Routine zu leben – wir haben es gelernt! Denn auch meine Mutter ist dabei: Sie sitzt auf dem Beifahrersitz mit jeder Menge Beinfreiheit und einem Strauß Blumen aus der Heimat auf ihrem Schoß. Die Tränen sind noch da, wenn auch getrocknet. Als wir die Alpen überqueren, ertönt Vaters Lieblingslied aus den Lautsprecherboxen. Es erzählt von blauem Himmel; von Grenzenlosigkeit und einmal mehr höre ich Vaters Stimme, wie er sagt: „Es geht immer weiter, weil alles immer weiter geht.“

Gehen muss. Gehen wird. Volare.

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