5. Platz Putlitzer Preis® 2022
In der einen Hand das Lederband, in der anderen das Messer. Vor und zurück, vor und zurück, von beiden Seiten. Schön scharf musste es sein. Seit er denken konnte, schliff er seine Messer so. Schschtt … schschtt … immer dasselbe vertraute Geräusch. Ein Bart schnitt sich nur mit einem scharfen Messer wirklich gut. Seine Kunden wussten das zu schätzen. „Herr Lux, Ihre Frau wäre jetzt so weit.
„Ist gut, Annemarie, danke, Sie können jetzt Pause machen.“
„Ich würde einen Tee aufsetzen“, schlug Annemarie vor und verließ den Raum Richtung Küche.
„Gerne“, sagte er, während er sich seiner Frau zuwandte. Inga! Sie war noch immer eine Schönheit. Feine Gesichtszüge, volles, schulterlanges Haar, bernsteinfarbene Augen.
„Dann wollen wir mal. Wie immer?“ Er begann zu kämmen.
Er wusste, sie würde ihm nicht antworten. Sie sagte schon lange nichts mehr. Doch immer lächelte sie. Wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Im Friseursalon, an jenem Samstagnachmittag. Plötzlich war sie da gewesen, inmitten von Scherengeklapper und Wochenendgetratsche, wollte nur ihren Vater abholen, der sich gerade den Bart zurechtstutzen ließ. Und um ihn, Toni Lux, den Friseurgesellen, war es sofort geschehen. Er hatte ihr einen Platz angeboten, ihr ein Journal gereicht. Und als sie ihn ansah, ihm dankte, wie beiläufig seine Hand berührte, da wusste er, dass er dieses Mädchen heiraten würde.
In den folgenden Wochen kam sie vorbei, immer wieder, kaufte ein Shampoo oder ließ sich die Haare schneiden. „Aber nur die Spitzen, ich will sie noch wachsen lassen.“
Irgendwann fragte Anton: „Möchten Sie mit mir tanzen gehen, Inga?“ Und Inga strahlte und sagte: „Wird ja Zeit, dass Sie fragen, Toni.“
Von da an waren sie unzertrennlich. Sie gingen ins Kino, fuhren mit ihren Rädern ins Grüne. Er liebte es, mit ihr am See zu sitzen. Liebte sie.
Eines Tages nahm er seinen ganzen Mut zusammen und ging mit einem großen Blumenstrauß zu Ingas Elternhaus. Er hatte sich die Worte genau zurechtgelegt, doch plötzlich war sein Mund trocken, sein Herz raste. „Würde gerne … um die Hand Ihrer Tochter“, hörte er sich stammeln. Während Ingas Mutter betreten schwieg, brach ihr Vater in schallendes Gelächter aus. Ein Friseur und die Tochter eines Rechtsanwalts! Wie er sich das denn vorstelle?
Anton Lux hörte auf, Ingas Haar zu kämmen, und beugte sich zu seiner Frau hinunter. Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Rücken. „Aber da hat der Herr Rechtsanwalt nicht mit uns gerechnet, was, Inga?“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Die Heirat ging natürlich in Ordnung. Dem Schwiegerpapa war ein Friseur in der Familie dann doch lieber als ein uneheliches Enkelkind.
Anton legte die Hände auf die Stuhllehne, richtete sich mühsam wieder auf und betrachtete sie beide im Spiegel. Ein altes Paar. Ein altes glückliches Paar, trotz allem.
„So, die Farbe. Brünett mit ganz leicht Kastanie. Das magst du doch so gerne.“
Inga lächelte.
Geschickt drückte er die Farbe aus kleinen Tuben und rührte sie in einer Schüssel an. Er kannte das Mischverhältnis im Schlaf. Nur einmal in seinem ganzen Berufsleben war es ihm misslungen. Noch dazu hatte er die völlig falschen Farben erwischt. Ausgerechnet bei seiner Inga und ausgerechnet am Abend vor … vor ihrem Hochzeitstag? Dem Fünfzigsten?
Er erinnerte sich, wie entsetzt die Familie gewesen war ob des braungelben Wahnsinns, der auf Ingas Kopf tobte. Seine beiden Töchter hatten sich vor allem Gedanken darüber gemacht, was die Gratulanten sagen würden. Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Trachtenverein, alle hatten sich angekündigt. Um dem Friseur zu gratulieren. Und seiner Frau. Mit einer misslungenen Haarfarbe auf dem Kopf. „Vati, mach irgendwas!“, hatten sie hysterisch geschrien. Seine Enkelin hatte nur noch einen Ausweg gesehen. „Hilft nichts, Oma, du musst eine Mütze aufsetzen.“
Und Inga? Inga hatte alles mit Würde weggelächelt. „Ich werde keine Mütze aufsetzen. Mir gefällt diese Farbe, sie sieht aus wie ein Hauch von Zimt. Wie Zimtzauber“, hatte sie entschlossen mitgeteilt.
Anton Lux trug seiner Frau die Farbe auf. „Das muss jetzt einwirken“, sagte er. Nach einiger Zeit schob er das kleine Spülbecken heran, neigte vorsichtig Ingas Kopf zurück und spülte ihr mit Wasser aus einem großen Glaskrug die Farbe aus. Sanft rieb er mit einem Handtuch die Haare trocken, half ihr wieder in eine aufrechte Position und griff nach der Schere. Sein Daumen schmerzte beim Schneiden.
Zufrieden blickte er auf die Haare, die zu Boden gefallen waren.
„Schau, Inga, ich habe nur die Spitzen geschnitten, du willst sie ja noch wachsen lassen, nicht wahr?“, sagte er. „Noch ein bisschen föhnen, dann haben wir es geschafft.“
Der Föhn lag schwer in seiner Hand.
Annemarie betrat den Raum.
„Herr Lux, der Tee ist fertig. Kommen Sie?“
Anton Lux legte den Föhn zur Seite.
„Fertig, mein Engel. Gefällt es dir?“
Inga antwortete nicht.
„Herr Lux?“
„Natürlich, Annemarie, ich komme schon“, sagte er und schlurfte mit unsicheren Schritten in die kleine Küche.
Annemarie blickte ihm hinterher. Dann ging sie zu Inga, griff sie bei den Schultern und nahm den Kopf von der Haltevorrichtung ab. Sie legte ihn zurück in die Pappschachtel, räumte Schere, Föhn und Farbschälchen zur Seite und schob das Spülbecken ins Bad.
Anschließend öffnete sie das Fenster des kleinen Wohnraumes im zweiten Stock und lehnte sich hinaus. Sie winkte die alte Frau zu sich, die seit über einer Stunde vor dem Haus St. Ursula auf einer Bank saß.
„Es geht ihm gut, machen Sie sich keine Sorgen“, rief sie, als die zierliche Frau wenige Meter unter ihr stand. „Es war eine sehr gute Idee, uns die Sachen vorbeizubringen. Er ist richtig aufgelebt und war ungewohnt gesprächig.“
Ein erleichtertes Lächeln huschte über das Gesicht der alten Frau. „Ich danke Ihnen, Schwester Annemarie. Wissen Sie, wann ich ihn wieder besuchen darf?“ Annemarie schüttelte den Kopf. „Nein. Wir haben immer noch Besuchsverbot. Wir müssen abwarten, wie sich die Fallzahlen
entwickeln.“ Die alte Frau sagte nichts mehr, drehte sich um und ging. Annemarie sah ihr hinterher. Die Sonne schob sich langsam durch den wolkenverhangenen Himmel und erleuchtete das Haar der alten Frau. Die Farbe hatte etwas von Zimt.