Sonny Nico Rück: Durchhalten

2. Platz Putlitzer Preis® 2026

21:47 Uhr. Das Licht geht aus. Dann höre ich die Schreie aus den Zimmern. Frau Kemper, die sonst nie ein Wort sagt. Herr Davidov, dessen Stimme ich kaum kenne, weil er seit drei Jahren nur noch im Bett liegt. Und Zimmer 12 – natürlich Zimmer 12.

Mein Display wirft bläuliches Licht auf den Medikamentenwagen.

23 Prozent Akku.

Ich fluche leise, taste mich den Gang entlang. Die Notbeleuchtung müsste längst angehen. Tut sie nicht.

„Ist da jemand?“

Frau Schneiders Stimme, dünn und zerbrechlich aus Zimmer 3.

„Ich bin hier, Frau Schneider. Alles gut. Nur ein kurzer Stromausfall.“

Das Aggregat im Keller hätte schon anspringen müssen. Ich taste nach dem Funkgerät an meiner Hüfte, drücke. Nur Rauschen. Greife nach meinem Handy, versuche Kowalski zu erreichen. Kein Netz.

Kein Netz?

Die ersten Sirenen heulen in der Ferne. Ich zwinge mich zur Ruhe, atme tief durch. Denk nach, Mehmet. Denk verdammt nochmal nach.

Zwölf Bewohner. Drei davon bettlägerig. Fünf dement. Herr Davidov hat einen Sauerstoffkonzentrator. Frau Liu eine Wechseldruckmatratze gegen Dekubitus. Die Geräte haben Akkus, aber wie lange? Zwei Stunden? Drei?

„HILFE! JEMAND!“

Zimmer 12. Herr Paulsen. Jeden Abend dasselbe, aber jetzt klingt die Panik echt.

Ich muss sie beruhigen. Einen nach dem anderen. Erst die Ruhigen, damit sie ruhig bleiben. Dann die Unruhigen, bevor sie eskalieren. Frau Schneider zuerst. Ihr Zimmer ist am nächsten.

„Da bist du ja, Mehmet!“

Ihre Stimme zittert.

„Es ist wie damals. Im Krieg! Die Bomben! Schlimm, schlimm, schlimm.“

„Kein Krieg, Frau Schneider. Nur der Strom. Ich bin gleich wieder da, okay? Lassen Sie die Tür offen.“

Sie nickt. Im schwachen Handylicht sehe ich die Angst in ihren Augen. Die echte, alte Angst.

Zimmer 4. Herr Yilmaz schnarcht. Gott hab ihn selig.

Zimmer 5. Frau Kemper schreit immer noch. Ich gehe rein, schalte mein Handylicht an. Sie steht am Fenster, krallt sich in die Gardinen.

„Frau Kemper, ich bin’s. Mehmet.“

„Die haben das Licht ausgemacht! Die wollen mich holen!“

„Niemand will Sie holen. Ich bleibe bei Ihnen.“

„LÜGE! LÜGE!“

Sie reißt an den Gardinen. Ich gehe auf sie zu, langsam, die Hände sichtbar.

„Frau Kemper, schauen Sie mich an. Nur mich.“

Aber sie schaut mich nicht an. Sie starrt aus dem Fenster auf die dunkle Stadt. Und ich sehe es auch: Fast alles ist dunkel. Nur vereinzelte Lichter. Zu wenige.

Das ist kein normaler Stromausfall. Mein Herz hämmert. Ich schlucke die Panik runter.

„Frau Kemper, kommen Sie. Wir gehen zu den anderen.“

Sie lässt sich führen, wimmert leise.

„Ich bringe sie zu Frau Schneider. Bleiben Sie zusammen, okay? Ich komme gleich wieder.“

22 Prozent Akku.

Zimmer 6. Frau Liu. Sie liegt im Bett und atmet schwer. Die Wechseldruckmatratze ist still. Ich taste nach ihrem Puls. Schwach, aber regelmäßig.

Wie lange noch ohne die Matratze? Zwei Tage bis zum Dekubitus? Drei?

„Durchhalten, Frau Liu. Einfach durchhalten.“

Zimmer 7. Herr Davidov. Das Piepen des Sauerstoffkonzentrators fehlt. Stattdessen ein leises Zischen – der Akku hat übernommen. Ich leuchte auf das Display: 78 Prozent.

Okay. Das sind… vier Stunden? Fünf vielleicht. Dann was?

In der Ecke steht eine Sauerstoffflasche. Reserve. Für Notfälle. Ich ziehe sie hervor, prüfe den Druck. Halb voll. Wenn ich es strecke, rationiere… vielleicht acht Stunden. Bis morgen früh. Und dann?

„Durchhalten“, murmle ich. Zu ihm oder zu mir, ich weiß es nicht.

Draußen auf dem Flur höre ich schwere Schritte.

„Hallo?“

Meine Stimme hallt.

„Mehmet?“

Kowalskis Stimme, atemlos. Er taucht aus der Dunkelheit auf, eine Taschenlampe in der Hand.

„Endlich! Der erste Stock ist ein Albtraum. sieben Bewohner haben ihre Zimmer verlassen. Ich hab eine Ewigkeit gebraucht, um sie wieder zu beruhigen.“

„Was ist da draußen los?“

Er schüttelt den Kopf.

„Keine Ahnung. Großflächiger Ausfall, das ganze Viertel. Vielleicht die ganze Stadt.“

„Und das Aggregat?“

„Kaputt, glaub ich. Irgendwas mit der Elektronik. Ich versteh nichts davon.“

Natürlich! Natürlich ist es kaputt.

„HILFE!“

Zimmer 12. Lauter jetzt. Verzweifelter.

„Ich kümmere mich darum.“, sage ich. „Schau wieder nach den anderen.“

Kowalski nickt und verschwindet im Dunkel. Ich gehe zu Zimmer 12. Klopfe. Keine Antwort, nur Schreie.

„Ich muss raus! Ich muss zu meiner Frau!“

„Herr Paulsen, Ihre Frau ist nicht hier. Kommen Sie, wir bringen Sie ins Bett.“

„NEIN! Sie wartet auf mich! Sie wartet!“

Seine Frau ist seit vier Jahren tot. Er weiß es nicht mehr. Jeden Abend vergisst er es neu. Ich gehe auf ihn zu, lege vorsichtig meine Hand auf seine Schulter.

„Ihre Frau hat angerufen. Sie sagt, Sie sollen hier bleiben. Sie kommt morgen vorbei.“

Er dreht sich um, Tränen in den Augen.

„Wirklich?“

„Wirklich. Aber Sie müssen schlafen. Sie wollen doch ausgeruht sein, wenn sie kommt.“

Er nickt, lässt sich ins Bett führen. Ich decke ihn zu, bleibe sitzen, bis seine Atmung ruhiger wird.

20 Prozent Akku.

Die Nacht zieht sich. Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, prüfe, beruhige, organisiere.

Um Mitternacht kippt Frau Liu. Ihr Atem wird flacher. Die Matratze ist kalt, nutzlos. Ich lagere sie um und stütze sie mit Kissen. Es wird nicht reichen. Nicht auf Dauer.

Kurz nach drei fängt Herr Davidovs Sauerstoffgerät an zu piepen: 5 Prozent.

Ich wechsle zur Reserveflasche, stelle den Flow so niedrig wie möglich. Er merkt es nicht. Er merkt nie etwas.

13 Prozent Akku.

Ich schalte das Handylicht aus, spare Energie. Im Dunkeln taste ich mich den Flur entlang. Ich treffe wieder auf Kowalski.

„Wie lange noch?“, fragt er nervös.

„Bis morgen früh. Dann wird es hell. Hilfe kommt.“

„Glaubst du das?“

Ich antworte nicht.

Die Stunden kriechen. Ich gehe, prüfe, beruhige. Herr Paulsen wacht dreimal auf. Jedes Mal panischer. Jedes Mal muss ich ihn überzeugen, dass seine Frau morgen kommt. Frau Lius Atem wird immer flacher. Herr Davidovs Sauerstoffflasche zeigt rot. Ich sitze in seinem Zimmer, starre auf die Anzeige. Noch zwei Stunden Sauerstoff. Vielleicht drei, wenn ich den Flow noch weiter runterdrehe. Und dann?

In meiner Tasche vibriert mein Handy.

5 Prozent Akku.

Eine Nachricht, irgendwie durchgekommen:

***Großflächiger Stromausfall. Keine ETA für Wiederherstellung. Durchhalten.***

Durchhalten.

Die Jurybegründung zu Durchhalten

So muss sich Prosa für einen vorderen Platz beim Wortrennen um den Putlitzer Preis lesen. Durchhalten von Sonny Nico Rück hält von Anfang an bis zum Ende durch und hallt durch alle Wände des Altenheims, hellt den Leser mit seinen Kürzestgeschichten auf und hält ihn gerade darum am atemlosen Lesen, bis alle Senioren das Licht auszugehen droht aber wortseidank nicht dieser Literatur.

(Lou A. Probsthayn)

Beitragsbild: pixabay, roszie, blackout

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