Özge İnan: Papahydra

1. Platz Putlitzer Preis® 2025

Lena schreit. Wobei, eigentlich schreit sie nicht, sie stöhnt. Sie seufzt. Sie grunzt. Jedenfalls klingt sie nicht wie die Frauen in den Filmen, die auf der Liege zwei Mal herzzerreißend kreischen und im nächsten Moment ein blitzsauberes Windelwerbungsbaby im Arm halten. Lena klingt eher wie etwas, das stirbt. Poetisch, denke ich, dass eine Frau ein bisschen sterben muss, um zu gebären. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis bin ich rausgegangen und sitze jetzt hier mit zwei anderen. Die Hebammen sagen „Der Papa” zu uns. Weil wir nicht wissen können, welcher Papa gemeint ist, heben alle den Blick, wenn das Wort fällt. Als wären wir ein dreiköpfiger Organismus namens „Papa”.

Seit ich hier sitze, lacht mich die neue blaue Twix-Sorte aus dem Automaten an. Salted Caramel. Ich bin fasziniert. Blau ist keine Farbe für einen Schokoriegel, Salz ist keine Zutat für Süßigkeiten. Dann sehe ich vor meinem geistigen Auge die Hebamme herbeieilen und „den Papa” rufen, herzlichen Glückwunsch, sagt sie, und ich habe gerade vom geheimnisvollen Twix abgebissen und muss kauend und schluckend den Gang hinunterrennen und unser erstes Kind mit salzkaramellverklebtem Mund entgegennehmen. Wo Lena seit Stunden stöhnt und seufzt und grunzt. Also bleibe ich sitzen. 

„Hunger?”, fragt der Typ auf der Sitzreihe gegenüber. Alles, was ich über ihn weiß, ist, dass er den Großteil unserer gemeinsamen Zeit mit Videotelefonaten auf Arabisch verbracht hat. Dabei sieht er deutscher aus als ich, und das ist gar nicht so leicht.

Ich mache eine achselzuckende Schon-aber-machste-nix-Geste und sage: „Ich bin Jakob.” Ich würde ihn wahnsinnig gerne fragen, woher er kommt, aber ich bin natürlich nicht von gestern. Also beschließe ich ein kommunikatives Manöver. „Aus Lüneburg.” 

„Faris”, sagt er, „aus Berlin.” 

Ich verbuche mein Manöver als Teilerfolg. Faris und ich richten uns an den Dritten, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er nicht einen Augenblick stillsitzt. „Enrico”, sagt er und schaut nervös wie ein Abiturprüfling. „Aus Lübbenau.” 

Faris’ Handy klingelt schon wieder. Er murmelt etwas, drückt den Anruf weg. „Irgendwann ist auch mal gut”, sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln, als wäre es an mir, zu entscheiden, ob irgendwann jetzt ist. „Wissen eure Leute Bescheid?”, fragt er in die Runde. 

„Nee”, antwortet Enrico zwischen zwei Positionswechseln. „Die machen nur Panik. War alles kompliziert bei uns. Risikoschwangerschaften. Wir haben gesagt, wir rufen erst an, wenn mit der Kleinen alles in Ordnung ist.” 

Schwangerschaften? Plural? Der Bursche vor mir ist höchstens zwanzig. Ich kann meine Neugier nicht verstecken. „Euer wievieltes ist es denn?” 

„Erstes.” 

Ein paar Sekunden überlege ich, wo das Missverständnis liegt. Dann fällt der Groschen.

„“Tut mir leid”, sagt Faris.

Wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mir so etwas beim besten Willen nicht vorstellen, eine Fehlgeburt. Seit wir wissen, dass Lena schwanger ist, ist irgendwie auch in mir etwas Neues gewachsen, ein neuer Jakob. Einer, der weiß, dass er jemand ist, so ganz von selbst. Ich bin jetzt Papa. Wenn das von heute auf morgen vorbei ist, wohin tut man dann sein ganzes neues Selbst? Ich wünschte, ich könnte Enrico fragen.

„Bei euch auch das Erste?”, fragt Enrico in die Runde.

Wir nicken. „Unseres wird auch ein Mädchen”, sagt Faris. 

„Ist es nicht verrückt, dass wir hier zusammensitzen?”, platzt es aus mir heraus. 

„Wie jetzt?”, fragt Faris nachvollziehbarerweise. 

Ich weiß doch auch nicht, Faris, denke ich. Allein, dass wir vor neun Monaten alle drei mehr oder weniger gleichzeitig, naja, du weißt schon, allein das, und jetzt sitzen wir hier und heben die Köpfe, wenn die Hebamme nach dem Papa ruft. Und wir werden unendlich oft, ohne es zu wissen, gleichzeitig die Köpfe heben, wenn unsere Töchter gleichzeitig „Papa” rufen. Oder wie auch immer das auf Arabisch heißt, Faris. Weißt du, Faris, manchmal lese ich im Tagesspiegel die Todesanzeigen und sage zu Lena, guck mal, die zwei hier sind beide letzten Dienstag gestorben, als der hier geboren wurde, war der hier vier Jahre alt, Weimarer Republik, das Kerlchen hüpft vierjährig in der Welt herum und irgendwo anders kommt ein Mensch auf die Welt, und der wird an exakt demselben Tag in exakt derselben Stadt sterben wie er. Das ist doch verrückt. Und dann gucke ich in Lenas große grüne Augen, und sie lächelt ein bisschen und man kann diese Fältchen sehen, die sie irgendwie noch heißer machen. Ich habe immer geahnt, wie verrückt die Gleichzeitigkeit von allem ist, Faris, aber seit heute ist etwas anders. Seit heute bin ich mir sicher. 

„Weil wir alle Mädchen kriegen und so”, sagt mein nutzloser Mund. 

Faris lächelt ein bisschen. „Stimmt schon”, antwortet er. „Drei kleine Mädchen.” 

Enrico sagt nichts. Am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen. Dann kracht mit einem Schlag auch bei mir die Angst ein, die ihm ins Gesicht geschrieben steht. Wieso soll es eigentlich immer nur die Enricos treffen? Er macht ja nichts falsch. Er macht ja nichts anders. Wie ein großer schwarzer Wal öffnet die Angst ihren Schlund und schluckt mich in einem Stück. Wenn es wirklich passieren würde und alles vorbei wäre, mein neues Papa-Ich und wir als Eltern und das gebrauchte Beistellbett im Schlafzimmer, das Lena gelb lackiert hat, wenn das alles, alles vorbei wäre, würde ich sterben. Der Tod kam mir noch nie so echt vor wie jetzt. Ich muss zu Lena. Ich muss nachschauen, ob alles in Ordnung ist. 

Ich will gerade aufstehen, da steht Faris vor mir auf und geht zu den Automaten. „Möchte jemand was?”

„Oh ja”, sagt Enrico, „ein Kakao wäre supi.” 

Stimmt, Kakao gibt es ja auch noch. Und Leute, die „supi“ sagen. Ich starre Enrico an und wünschte, er wüsste, dass er mich gerade aus dem Schlund des Wals gezogen hat. 

„Und du, Jakob?”, fragt Faris. 

Ich denke an unsere drei Mädchen und daran, wie manchmal Leute ein ganzes Leben leben, ohne sich je zu begegnen, und dann zusammen sterben. Ich denke an Lena und ihre Fältchen. Ich wüsste wirklich verdammt gerne, wie Salzkaramell schmeckt, auch wenn gleichzeitig meine Tochter geboren wird. „Ich hätte gerne dieses blaue Twix”, sage ich.

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