Aylin Ünal: Ich habe das Handtuch sehr geliebt

1. Platz (1) Putlitzer Preis® 2023

Wenn ich hier zuhause Koshary koche, schmeckt es nie wie in Kairo. Ich wusste lange nicht, woran das lag, ob am Rezept oder den Zutaten, aber heute Morgen wusste ich es auf einmal. Es fehlt der Dreck. Die Abgase der vorbei rasenden Autos, der feine Staub von der Straße, der aufgewirbelte Sand aus der Wüste. Und die Finger des Verkäufers, die den ganzen Tag allem begegnen. Die Kairo-Gewürzmischung, nicht im lokalen Bio-Supermarkt erhältlich. Wenn ich Koshary hier zuhause koche, schmeckt es fad.

An meinem letzten Abend in Kairo saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer. Wir sprachen über den arabischen Frühling und die Zukunft. Wir waren uns einig, dass die Leute Veränderung wollten, dass sich aber nichts ändern würde. An der Decke wirbelte der Ventilator die heiße Luft im Zimmer auf. Wir tranken eiskalten Tamarindensaft, das Abendessen lag schon ein paar Stunden zurück. Draußen hupten die Autofahrer, die ihr Ziel schneller erreichen wollten.

Einer meiner Mitbewohner war auch aus Deutschland. Wir nannten ihn Käsebrot. Abends arrangierte er seine Brotscheiben wie einen Vorgarten. Fein säuberlich geschnitten lag die Käsescheibe auf dem dunklen, selbstgebackenen Vollkornbrot, über einer gleichmäßigen Schicht Butter. Der Rand der Käsescheibe endete exakt mit dem Rand der Brotscheibe. Ich habe immer darauf gewartet, dass er eines Tages eine Buchstabensuppe kocht, weil ich meinen ägyptischen Freunden davon erzählt hatte und sie nicht glauben konnten, dass wir so etwas essen. Was macht ihr mit den Buchstaben in der Suppe, haben sie gefragt.

Wenn ich hier zuhause Koshary koche, muss ich immer an Käsebrot denken, und was er wohl gerade macht. Von allen Ausländern, die in Kairo waren, fanden wir es anfangs bei ihm am unwahrscheinlichsten, dass er durchhalten würde. Jetzt, nach zwei Jahren, sind wir alle wieder zurück an unseren Ursprungsorten, und er ist der einzige, der dort geblieben ist. Hier denken sie: Nordafrika, das sind doch die, die so dicht gedrängt in einem Boot sitzen und versuchen nach Europa zu fahren. Dort denken sie: Das sind die Europäer, die mit dem Flugzeug kommen, um sich die Pyramiden anzuschauen und Magnete für ihre Kühlschränke zu kaufen. Es ist alles anders, als es scheint.

Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, ich muss eine Brücke aus Reiskörnern bauen, doch die glatten Körner glitten mir immer wieder durch die Finger. Dann sagte eine Stimme aus dem Off, du musst den Reis kochen, dann klebt er besser zusammen. Aber als ich anfing die erste Schale zu kochen und sah, wie viele Schalen Reis ich brauchen würde für diese Brücke, da dachte ich, das schaffe ich nicht mehr in diesem Leben, und dann bin ich aufgewacht.

Vielleicht hätte ich in Kairo bleiben sollen, wie Käsebrot, der sein Leben über den Haufen geworfen hat, sogar seinen Vorgarten, von dem wir nie erfahren haben, ob er überhaupt einen besaß, weil wir ihn nie danach gefragt haben.

Ist es eine meiner verpassten Chancen? Ich drehe sie um ihre eigene Achse und justiere das Licht, um sie von allen Seiten zu sehen. Ihr breites Maul klafft vor mir auf und die Spucke tropft vor meine Füße. Dort liegen bereits die gebrochenen Versprechen, die unerfüllten Träume und die jährlich erneuerten Vorsätze. Das kann ich gut: Den Friedhof meiner Fehler genau betrachten. Ich bin mir mein eigener Moriarty.

In Kairo hatte ich solche Gedanken nicht. Die Stadt schnellt jeden Tag an dir vorbei, du hast nicht das Gefühl, dass du deine Vorsätze vergisst. Du hast das Gefühl, dass du deine Träume lebst, und zwar intensiver, als alle in Europa überhaupt zu träumen wagten. Die Stadt ist ein großes Versprechen, das sich täglich erneuert. Wir haben Käsebrot nicht nach seinem Vorgarten gefragt, weil sich niemand in Kairo für Vorgärten interessiert und auch nicht für die Vergangenheit. Für die Zukunft geht man auf die Straße, aber wenn das nicht klappt, dann kehrt man zurück in die Gegenwart und diskutiert bei einem Glas Tee umso heißer über die Zukunft. Ich habe den Lauten und den Leisen zugehört, ich war das Mittelfeld, das nie über den Rand schwappte, das nie den Topf der breiten Masse verließ. Ich war gerade laut genug, dass man mich hören konnte. Die meisten erkannten mich an meiner rot gefärbten Strähne im Haar, quer über der Stirn. Ein ägyptischer Student nannte mich Red Storm, weil ich ihn überreden wollte, mit mir in die Wüste zu fahren, an einem Tag, an dem ein Sandsturm angekündigt war.

Hier zuhause nennt mich niemand Red Storm, sie nennen mich nur Mareike. Das klingt nicht wie eine Person, die zwei Jahre in Kairo gelebt hat. Das klingt, als wäre ich einfach irgendwer. Es ist alles ganz anders, als es scheint.

Wenn ich hier zuhause Koshary koche, versuche ich, nicht irgendwer zu sein, sondern diese Person, die mal in Kairo gelebt hat. Wenn ich an Käsebrot denke, fühle ich eine Sehnsucht, von der ich nicht weiß, wem sie gilt. Seinem zotteligen Haar, das immer über der Sessellehne im Wohnzimmer hing, während er schlief, dem Wohnzimmer selbst, wo wir die faulen Kanten der Politik diskutierten, oder der Stadt, die vor unserer Haustür lag? Kairo liegt in meiner Zeitzone, ich kann dort die Luft der Central European Time atmen, ich bin hier und gleichzeitig da, es ist europäische Zeit, aber es ist nicht Europa.

Ich wünschte, ich hätte immer noch ein Handtuch in dieser Stadt.

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