1. Platz Putlitzer Preis® 2026
Über Nacht hat es Frost gegeben, und ich denke: „Och nö.“ Erstens habe ich dafür keine passenden Klamotten dabei, und zweitens gibt es hier safe keine Geräte für gefrorenen Boden. Im Wohnzimmer steht die halbvolle Flasche mit dem goldgelben Was-auch-immer, aus der Mama und ich uns vorgestern noch ordentlich gegönnt haben. Ohne zu frühstücken, nehme ich drei große Schlucke. Ich finde einen schweren Pelzmantel, den ich über meinen Jogginganzug ziehe. Passt schon. Wäre da nur noch das Geräteproblem.
Mama hat einen Geräteschuppen, und da gibt es alles – also wirklich ALLES –, nur keine Gartengeräte. Immerhin finde ich einen Eimer voll Sandspielzeug, was ansatzweise rankommt an das, was ich suche. Ich nehme einen roten Kinderspaten mit nach draußen und würde mal sagen: Let the show begin!
Hinter dem Schuppen ist Mamas Lieblingsplatz, denn hier ballert die Sonne ganztägig. Sie hat sich im Sommer immer nackt auf dem Boden gesonnt, stundenlang. Die Sonne scheint auch jetzt, vielleicht hilft’s ja. Völlig grundlos sage ich: „Na dann“, nehme noch einen Schluck aus der Pulle und lege los. Mein kleiner Spaten kratzt mitleiderregend ineffektiv an der steinharten Erde. Das hier wird sicher ein harter Job, aber da musst du jetzt durch, kleiner Spaten.
Nach einer beschissenen ersten Stunde geht es langsam voran. Den Spaten kann man super mit Mama vergleichen: komplett unterschätzt und extrem hartnäckig. Mama war neunzehn und hatte was mit dem jungen Pastor, der so cute und lässig war, bis zu dem Tag, an dem er sie – uppsi! – geschwängert hat. Da war Schluss mit lässig; da waren Mama und der Zellhaufen in ihrem Bauch plötzlich ein Problem. Der Pastor hat das Problem konsequent geghostet, also hat Mama spontan bei seinen Eltern geklingelt, und als er von der Arbeit kam, saß das Problem am Kaffeetisch. „Hey, kann man doch alles regeln, das läuft heutzutage alles ganz schmerzfrei ab“, hat die Familie gesagt, „man muss doch nichts an die große Glocke hängen!“ Da hat Mama das weiße Tischtuch runtergerissen und ist damit aus dem Haus gerannt. Am nächsten Sonntag konnten sie ihr Tischtuch wieder einsammeln, als es pünktlich zum Glockenläuten am Kirchturm entrollt wurde – versehen mit der Aufschrift: „Pastor Gassner ist ein feiges Arschloch!“ Am Ende hat die Familie von Ex-Pastor Gassner für mich gezahlt, und das halbe Dorf hatte Schiss vor Mama.
Gegen Mittag mache ich eine Pause und esse ein Glas Schattenmorellen. Ich schwitze wie ein Schwein, also ziehe ich den absurd schweren Pelzmantel aus. Spaten und ich – wir haben einiges geschafft. Die Sonne hat den Boden gut angetaut, sodass wir jetzt besser vorankommen. Keep going, Spaten, bald sind wir durch!
Mama kommt aus einer Arbeiterfamilie und wusste bis zum Abi nicht, wer Joseph Beuys ist. Aber sie war wütend und hatte etwas zu sagen. Also ist sie mit einem schreienden Baby zur Aufnahmeprüfung der Kunstuni gefahren und hat ihre Brüste auf einen Kopierer gelegt. Die Performance war episch, und Mama wurde direkt angenommen. Niemand hat damit gerechnet, dass eine alleinerziehende Mutter ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund es weit bringen würde, aber am Ende hat Mama als Dozentin Generationen von Kunststudierenden gezeigt, wie man richtig auf die Kacke haut – und dass es sich mehr lohnt, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, als auf der eigenen Schleimspur auszurutschen.
Beziehungsweise mit dem Spaten durch die Erde. Mein roter Kollege hat dem vereisten Boden den Mittelfinger gezeigt – so wie Mama dem akademischen Establishment. Stich für Stich gräbt er sich zu seinem Ziel durch. Als er den letzten Widerstand durchbricht, die letzten Zentimeter gefrorener Erde spaltet, läuft eine einsame, mutige Träne meine Wange hinunter. Der Rest ist so pipileicht wie Buddeln in einer Sandkiste.
Die Leute im Dorf haben viel über, aber wenig mit Mama geredet. Nur wenn es unbequem wurde, haben sie plötzlich gar nicht mehr geredet. Als Nazis im Sportheim tagen wollten, hat Mama allein demonstriert. Als der Bürgermeister seinem Sohn besoffen auf dem Dorffest eine verpasst hat, weil „das hat ja noch niemandem geschadet“, hat Mama die Bullen gerufen. Die anderen haben ihre Autos gewaschen und weggeguckt. „Es gibt zwei Sorten Mensch, mit denen will ich nie wieder was zu tun haben: mit Pastoren und mit rückgratlosen Waschlappen“, hat Mama gesagt, als wir letzten Sommer nebeneinander nackt hinterm Schuppen lagen. Da war sie schon ganz dünn. Diesen Satz habe ich mir gemerkt, und jetzt stehe ich hier – verschwitzt, verdreckt, glücklich, traurig.
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Mama trägt ihr schönstes Kleid, und ich geize nicht mit Make-up. Nur die Augen kriege ich nicht richtig hin, also setze ich ihr eine knallgelbe Sonnenbrille auf. Vorsichtig hebe ich Mama hoch, und sie wiegt einfach gar nichts – die stärkste Frau der Welt im Körper eines Vogelbabys. Über die Terrasse trage ich meine Mutter in den Garten. Ich gehe langsam, will keinen Schritt jemals vergessen. Es ist ihr letzter Gang und die größte Ehre meines Lebens.
Ich gebe ihr Fotos und Küsse und Tränen mit und einen klitzekleinen Flachmann, denn man weiß ja nie, wie hart der Weg nach drüben dann doch wird.
Niemals soll Mama zwischen den rückgratlosen Waschlappen auf dem Friedhof liegen. Niemals soll ein Pastor ihren Namen in den Mund nehmen. Ich nehme den Spaten in die Hand und lege wieder los. Meine wunderschöne Mama wird eins mit ihrem geliebten Garten. Und ich bleibe allein hier, bin voller Liebe und komplett leer und weiß gar nicht, wie ich weitermachen soll, wenn niemand mehr da ist, der mir zeigt, wie das geht – weitermachen. Ihr Testament ist mit rotem Nagellack versiegelt.
Mein wunderbares Kind,
Mein gesamtes Geld ist in den Pelzmantel eingenäht. Bitte hab Spaß damit und teile es bloß nicht mit einem Mann.
Bleib unbequem und verlier nie den Mut. Und halte dein Herz offen, damit ich es von hier drüben weiter mit Liebe füllen kann.
Auf ewig mit dir verbunden, Deine Mama
Mein Blick wandert zur Wand hinterm Fernseher. Kitschig gerahmt hängen dort vier Schwarz-Weiß-Bilder, ausgeblichen, grobkörnig. Plattgedrückte Brüste im A4-Format. Zieh durch, sagen die Brüste. „Na dann“, sage ich und stehe auf. Vielleicht gehe ich erstmal duschen.
Die Jurybegründung zu Mutterboden
Mutterboden ist witzig und klug, überraschend und ermächtigend. Der diesjährige Gewinnertext zeichnet sich vor allem aber durch eines aus: Er macht eine ganze Welt auf und weist weit über sich hinaus. Auf drei Seiten hat Anna-Maria Meyer eine Geschichte geschaffen, die in unseren Köpfen einen ganzen Roman entstehen lässt. Eine Mutter-Tochter-Beziehung, die in ihrer Intensität kaum zu übertreffen ist, und die uns Lesende zugleich berührt und gestärkt hervorkommen lässt. Die Erzählstimme der Protagonistin ist widerspenstig, herausfordernd und so unterhaltsam, dass sie uns nicht nur beim Lesen erfreut, sondern Aufschluss gibt, wie diese beiden Figuren zueinanderstehen und zu welcher Person die Protagonistin auch dank ihrer Mutter werden konnte.
Wir gratulieren Anna-Maria Meyer ganz herzlich zu dieser Geschichte, die wir mit dem diesjährigen ersten Platz des Putlitzer Preises auszeichnen und sind gespannt, was es in Zukunft noch zu lesen geben wird. Wir wünschen uns noch so viel mehr und wollen hier abschließend aus dem Gewinnertext selbst zitieren. „Bleib unbequem und verlier nie den Mut.“
(Christoph Charlie Hein)
Beitragsbild: pixabay, alicja, garden