Regina Schleheck: Magdas Muttertagsgeschenk

2. Platz beim Putlitzer Preis® 2017

Magda hatte im Leben wenig geschenkt bekommen. Zumindest selten das, was sie sich gewünscht hätte. Die Eltern schenkten ihr kaum Aufmerksamkeit und umso mehr Geschwister. In der Schule hagelte es schlechte Noten, weil sie vor lauter Hausarbeit keine Hausaufgaben gebacken kriegte. Zum Bund Deutscher Mädchen durfte sie nicht, weil ihre Eltern Hitler doof fanden. Und als alle in den BDM mussten, da durfte sie nicht, weil irgendetwas mit ihrem Ariernachweis nicht stimmte, wie die Eltern ihr sagten. Dabei sang Magda so gern! Sie hatte eine wunderschöne Sopranstimme, und wenn sie am BDM-Heim vorbeiging, sang sie extra laut die schönsten Lieder, die sie von ihren Eltern gelernt hatte, etwa das von den Moorsoldaten, die in unermüdlichem Einsatz schufteten. Magda war eine gute Schufterin. Eine, die nicht nur viel und gut, sondern mit Hingabe arbeitete.
Sie war sich sicher, dass die Mädels, sobald sie Magdas Stimme hörten, hinter den Vorhängen lauerten und lauschten. Deren Ariernachweis war bestimmt nicht so rein!
Dann wurde auch noch ihr Vater zum Arbeitseinsatz abgeholt. Magdas Mama sagte, sie dürften das nicht tragisch nehmen, weil der liebe Gott dafür jedem von ihnen einen Stern vom Himmel geschickt hätte. Den nähte sie allen Kindern auf die Kleidung, auch ihrer Ältesten. Da fühlte Magda sich doch ein wenig beschenkt, zumal die BDM-Ziegen keinen Stern kriegten. Die Arbeit war aber durch den abwesenden Vater nicht weniger geworden, außerdem gab es immer kaum etwas zu essen. Magda machte sich Sorgen um ihre Figur.
Zur Schule musste sie zwar nicht mehr gehen. Aber sie erinnerte sich noch gut an die Worte ihrer Turnlehrerin: Der Führer wollte schöne Körper, um dazu beizutragen, dass dem Volkstum neue Schönheit geschenkt würde. Sie hatte ihn wörtlich zitiert: „Würde nicht die körperliche Schönheit heute völlig in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen, wäre die Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Juden-Bankerte gar nicht möglich.“
Gerne hätte Magda ihre Stimme, ihre Arbeit und ihre Schönheit für Hitler gegeben. Oder wenigstens für einen dieser Windhunde in zähen Lederhosen und hart wie Kruppstahl, von denen sie sich hunderttausendmal lieber verführen lassen würde als von krummbeinigen Bankerten, Männern, die auf Bänken im Park herumlungerten und Beinstumpen und Eiserne Kreuze zur Schau trugen. Auch wenn die sich für das Volkstum und den Führer ein oder sogar zwei Beine ausgerissen hatten, waren sie doch noch lange keine Ver-Führer.
Magda war alles andere als ein hässliches Mädchen mit ihren langen schwarzen Haaren und dem edlen Schwung in ihrem Nasenrücken. Es war auch durchaus so, dass die Hitlerjungen sich nach ihr umdrehten und pfiffen und manchmal sogar vorwitzig nach ihr grabschten. Da war aber immer ihr Hordenführer vor, der blonde Hans.
Ja, der blonde Hans war so recht nach Magdas Herzen. Wenn sie abends im Bett lag, träumte sie davon, dass er sie in den Arm nahm und ihr zuflüsterte: „Lass uns dem Volkstum neue Schönheit schenken!“ Und dann küsste er sie so sanft, dass es hinter den Ohren kribbelte und überall.
Magdas Mama schimpfte, als sie ihr von Hans erzählte. Sternenkinder könnten mit Windhunden kein Lager teilen, sagte sie. Die kämen in ein Extra-Lager und basta. Magda sollte sich die dumme Hänselei aus dem Kopf schlagen. Sie verbot ihrer Tochter, das Haus zu verlassen. Tagsüber schuftete Magda, nachts weinte sie ins Kissen und wollte auswandern.
Es war kurz vor dem Muttertag. Ja, der gute Führer dachte an sein Volk. Und hatte er nicht recht, dass man die Mütter ehren musste? Die Kleinsten sagten Gedichte auf, die Schulkinder pflückten Blumen. Die Großen strickten warme Unterhosen oder kauften hübsche Dinge, die damals schwer zu bekommen waren.
Als Magda in der Nacht zum Muttertag wach im Bett lag – es war eine laue Maiennacht, der Flieder blühte und schickte süße, verheißungsvolle Düfte durch das Schlafzimmerfenster –, da erschnupperte sie mit einem Mal etwas und hörte Geräusche vor dem Haus. Sie schlich zum Fenster – und da war er. Der blonde Hans! Er schleppte einen Kübel herbei, aus dem es roch. Am Henkel baumelte ein kleines, mit einer Schleife versehenes Päckchen. Magda wagte nicht, sich bemerkbar zu machen. Sie sah Hans‘ Blick am Haus hoch wandern und duckte sich weg. Das liebe Lächeln!
Als sie vorsichtig wieder nach draußen lugte, war er verschwunden.
Magda warf sich den Mantel über, schlüpfte in die Schuhe, schlich zur Haustür und öffnete sie leise. Da stand der Eimer, den Hans abgestellt hatte. Voll der besten Jauche! Sie dachte an die kümmerlichen Kartoffelpflanzen auf dem Hinterhof und war ganz gerührt. Was für ein wunderbares Geschenk. Als sie aber das Päckchen genauer inspizierte, wurde sie traurig. Da stand mit krakeligen Buchstaben: Zum Muttertag.
Zugleich war sie verwirrt. Warum hatte Hans statt Magda der Mutter etwas Gutes tun wollen? Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Er wollte sich einschmeicheln, damit die Mutter die Tochter freigab.
Magda war gerührt und erbost zugleich. Lange tobte ein Widerstreit in ihrer Brust. Nein, sagte sie sich endlich, eine reine, treue, edle Liebe bedarf solcher Winkelzüge nicht. Die Mutter, die sich ihrer Liebe doch in den Weg gestellt hatte, war dieses Geschenks nicht würdig.
Und so nahm sie Hans‘ liebe Gabe und schlich durch die nächtlichen Gassen zu seinem Elternhaus, wo sie es vor dem Fenster von Hans‘ Mutter abstellte. Sollte die gute Frau ihre Freude daran haben. Der Gedanke an die zukünftige Schwiegermama wärmte ihr Herz, sodass sie, als sie wieder in ihr Bett schlüpfte, ganz im Reinen mit sich war.
Dass Hans‘ Mutter anderntags durch eine Sprengladung ums Leben kam, die ihr ein Unbekannter geschickt hatte, betrübte Magda sehr. Es gab so viel Arg auf der Welt. Ach, nichts wurde einem geschenkt!