Mathias Fleischmann: Ein Häuschen für die Hexe

6. Platz beim Putlitzer Preis® 2017

„Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“, murmelte Frank. Er stand neben dem leeren Hochbett und blätterte in Jakobs und Lisas Märchenbuch. Wie oft hatte er ihnen in den letzten Jahren Hänsel und Gretel vorgelesen, während sie sich mit ihren Stofftierchen unter die Decke kuschelten? Kurz bevor die Kinder im Märchen zu ihrem Vater zurückfanden, fielen seinen Kindern regelmäßig die Kulleraugen zu. Er beobachtete sie dann im schummrigen Licht des Leselämpchens und hörte sie leise atmen, was ihm immer zeigte, dass alles gut war. Fast schon wie im Märchen kam ihm das jetzt vor, als er die Tür zum Zimmer der Zwillinge schloss und in die Küche ging.
Kurz nach der Hochzeit hatten Kirsten und er das Grundstück im angesagtesten Neubaugebiet der Stadt gefunden, und er hatte ihnen mit Hilfe seiner Kumpels vom Bau nach Feierabend ein Traumhaus mit allem Zipp und Zapp darauf gesetzt: Platz für seine schöne schlaue Frau und ihn, für eine Handvoll Kinder, schmucke Möbel und einen hübschen kleinen Garten, mit einem blendend weißen Putz, auf den er besonders stolz war. Zum Einzug hatte sie sich über die Schwelle tragen lassen und ihm dabei ins Ohr geflüstert: „Na, da hat der Prinz seiner Prinzessin aber ein Märchenschloss gebaut.“ So was Ähnliches wollte er an diesem besonderen Tag noch einmal tun.
Dafür hatte er im Supermarkt alle Zutaten besorgt, wie sie im Backbuch für Kinder aufgelistet waren: Rote Gelatineblätter, Eier, Zuckerperlen und Puderzucker, dazu ihre Lieblingskekse. Im Keller hatte er einen großen Schuhkarton gefunden, aus dem er jetzt Fenster und Türen schnitt, das Dach und die Giebelseiten aus einem Extrakarton. Alle Teile zusammengeklebt, ergaben sie das Papphäuschen, in das er von innen die Gelatineblätter als Scheiben einklebte. Er sprach „Knusper, knusper, Knäuschen, ich bau‘ dir noch ’n Häuschen“ vor sich hin und schlug das Eiweiß zu steifem Schnee, rührte langsam Puderzucker unter und bestrich die Dachseiten und Hauswände liebevoll mit der festen Zuckermasse. Dann drückte er Zuckerperlen, Gummibärchen und Kekse auf Dach und Fassade und formte aus der Puderzuckermasse Eiszapfen, die er an die Giebel setzte. Um alles herum kamen Watte und Geschenkpapier. Nach getaner Arbeit war er sich sicher, sie damit überraschen zu können. Zufrieden legte er das Hexenhäuschen in ein stabiles Paket und adressierte es an seine Schwiegereltern.
Im Wohnzimmer trank er die letzte Flasche ihres über alles geliebten Veltliners und ließ dabei seinen Blick durch den Lieblingsraum der Familie schweifen. Da war der Kaufladen von Jakob und Lisa, voll mit kleinen Döschen und Schächtelchen, in dem er schon so manchen Einkaufsmarathon erlebt hatte. Da hingen die unzähligen gerahmten Fotos an den Wänden: Kirsten und er als glückliches Hochzeitspaar, am Tage des Einzugs, als stolze Eltern mit den Babys im Arm, als Familie im ersten Strandurlaub und sie mit ihren Freunden vom Golfclub, darunter ihr großer Förderer im Unternehmen. Da stand das Klavier, ein Geschenk ihres Vaters. Weil er auch sonst immer häufiger ein Stirnrunzeln von Kirsten zu sehen bekam, hatte Frank eigene zaghafte Spielversuche bald beendet. Aber sei’s drum, er war ja nicht nachtragend.
Die Paco-CD, musikalische Untermalung unzähliger leidenschaftlicher Stunden, lief weiter und die Taufkerzen der Zwillinge leuchteten noch, als Frank mit dem Märchenbuch in der rechten Hand und dem Paket unterm linken Arm die Haustür öffnete. Prompt flatterte dieser Anwalts- oder Amtsbrief von der Kommode. Alle zwei Wochen. Jakob und Lisa waren alles, was zählte, das andere war ihm egal. Sie würde ihr Haus ja schon fristgerecht bekommen. Aber eben nicht dieses, dachte er und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Grinsend setzte er sich in der Einfahrt auf den Bagger, den Günni ihm geliehen hatte, sang „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“ und legte los mit der Abrissbirne.